Predigt eines Zeitzeugen zum 4. Dezember, dem Jahrestag der Zerstörung Heilbronns

Dr. Hartmut Jetter erlebte als 14-jähriger den Angriff auf Heilbronn am 4.Dezember 1944.
Seine Predigt am 4. Dezember 2005 in der Nikolaikirche ist hier dokumentiert:

4. Dezember 2005 (2. Sonntag im Advent)
9:45 Uhr Nikolaikirche Heilbronn

Kanzelgruß: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Das Wort zum 4. Dezember: Auf dem Kalender steht heute der 4. Dezember 2005. Nach der Ordnung des Kirchenjahres feiern wir in unserem Gottesdienst den 2. Adventssonntag. Die Stadt Heilbronn überdies begeht heute ihren "Vierten Dezember" schlechthin. Der ist längst zum Begriff geworden. Und schon über viele Jahre hinweg hat er sein gleiches Ritual: Am Nachmittag das Gedenken auf dem Ehrenfriedhof bei den Massengräbern; am Abend das Geläut und die Musik in der Kilianskirche. Ich rechne es meiner Heimatstadt, ihren Bürgern und speziell ihren Oberbürgermeistern Dr. Weinmann und Himmelsbach hoch an, daß sie dieses Gedächtnis so kontinuierlich und in so würdiger Form hochhalten. Das ehrt Heilbronn.

Seit ich aus dem aktiven Dienst im Oberkirchenrat ausgeschieden bin, habe ich es mir zur Ehrenpflicht gemacht, jedes Jahr dabei zu sein. Heute nun, da der 4. Dezember wieder auf einen Sonntag fällt, wollte ich aber auch noch einmal auf der Kanzel einer Kirche von Heilbronn stehen. Daß es diese hier in der Nikolaikirche ist, erfüllt mich mit einiger Bewegung. Denn das Kirchhöfle zählte zu meiner nächsten Umgebung, als ich noch zur Schule ging. Und das, was sich hier alles am 4. Dezember abgespielt hat, ist mir wohl bekannt, auch durch den Bericht von Stadtpfarrer Bosler. - Ein Montag war's damals, Montag nach dem 1. Advent. Auch damals ging es auf Weihnachten zu. Aber was für eines? Das 6. Kriegsweihnachten. Da gab es nichts mehr von vorweihnachtlichem Glanz. Überall das Grau eines entbehrungsreichen Alltags, verstärkt durch den trüben, wolkenverhangenen Tag. Die Menschen gebeugt von Gram und Sorge und Leid. Herr, wie lange noch?

Zum Tagesbeginn am spärlich gedeckten Frühstückstisch die Losung aus dem Herrnhuter Büchlein: "Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen", also der Anfang der alten Weihnachtsepistel aus dem Titusbrief. Sollte das ein gnädiges Lichtlein sein für uns an diesem nebelgrauen Tag? Keiner von uns konnte ahnen, daß der count down für unsere Stadt eingeläutet war. Die Bomber wurden betankt, mit Munition befrachtet und machten sich am Nachmittag auf den weiten Weg von England zu uns. Um 19:11 Uhr "erschien" der erste von knapp 300 Gestarteten. Er hatte das Licht anzuzünden über der verdunkelten Stadt: Fahlgrünes Licht, zum Zeichen: Hier ist unser Ziel. Zehn Minuten später begann das Inferno. Es sollte eine halbe Stunde dauern, für uns in den Kellern eine Ewigkeit. Da war die "Gnade Gottes" weit weg von uns. Für Tausende gabs keine.

Wir in der Schillerstraße 7 waren mitten drin in diesem "Hochofen ohne Ausgang und Eingang" (Jörg Friedrich). Wir haben das noch verbliebene "Zeitfenster" von ca. 20 Minuten nützen können, um uns zum Wartberg durchzuschlagen. Viele unserer Nachbarn konnten es nicht mehr. Darunter auch die beiden Pfarrfamilien von Nikolai Höll und Bosler. Sie waren meine Spielkameraden. Warum ich? Warum sie nicht? Das waren meine ersten Glaubensfragen! Grad so, wie Luther es gemeint hat: Den Glauben, den lernst du erst recht in der tentatio; die Anfechtung, die Probe macht erst den Theologen.

Wie haarscharf ich davon gekommen bin, das konnte ich mit Hilfe jenes minutiösen Berichts über den Ablauf des Luftangriffs errechnen, den mir erst viel später ein Klassenkamerad zugeschickt hat. Wir von der Oberschulklasse Va hatten die Weisung, uns sofort bei Voralarm zu unserem Schulgebäude zu begeben, damit notfalls immer jemand da ist, der hätte löschen können. Um 18:59 Uhr gabs Voralarm. Zum Glück traf ich zu diesem Zeitpunkt erst von der Stadt kommend zuhause ein. Und ich sollte erst mal noch etwas essen. Dabei hat mich dann der Vollalarm überholt. Es ging ja alles sehr schnell. Mich jetzt noch schnell auf den Weg zu machen - dafür war es zu spät. Zumal es im Drahtfunk hieß: "Kampfverbände im Anflug auf unsere Stadt". Hätte ich mich pflichtbewußt auf den Weg gemacht, wäre ich genau zu dem Zeitpunkt dort angekommen, wo die vorhin genannte grell grüne Zielbombe knapp über dem Erdboden explodierte: Auf dem Platz, wo damals die Friedenskirche stand.

Doch damit einmal genug des Zeitzeugenwortes. Es ist nun Zeit für das Wort des Zeugen, der die Botschaft des Wortes Gottes für diesen Tag aus-zurichten hat. Ich habe mir keinen extra Text ausgesucht. Ich nehme vielmehr den Text, der nach unserer Perikopenordnung für heute "dran" ist.

So sammeln wir uns um die alttestamentlich Lektion für den 2. Advent aus dem Buch des Jesaja in Kapital 63.

LESUNG, das Klagegebet des Volkes Gottes; 63, 15 - 64, 3
So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! - und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.


1. Der Prophet als Vor-Beter.

Liebe Gemeinde im Advent 2005! Von meinen Lehrern im AT habe ich dieses Bild: Die Propheten, die 4 großen und die 12 kleinen. Vor ihnen stehen wir wie vor einem Gebirgsmassiv. Aus der Kette der Bergspitzen ragt die eine turmhoch heraus: Jesaja, das Buch mit seinen 66 gewaltigen Kapiteln. Und aus denen wiederum heben sich zwei Kapitel besonders hervor: Das 53. (mit dem Lied vom leidenden Gottesknecht) und das 63. (mit seinem erschütternden Klagegebet, wie wir's eben gehört haben). In der Tat: Was wären wir ohne diese beiden? Ohne Jesaja 53 hätten wir nicht den Schlüssel zum Geheimnis des Kreuzestodes Jesu. Und ohne das 63. könnten wir nicht so tiefgründig beten, zu Gott schreien im Chaos der Kriege und in den Tiefen des Leidens und im Untergang von allem, was uns bis dato hoch und heilig war. Dazu leiht uns Jesaja 63 die fehlenden Worte. Wenn wir nicht mehr wissen, was wir beten sollen, wenn unser Mund stumm und sprachlos bleibt, dann tritt dies Klagegebet stellvertretend ein: "Schau herab vom Himmel! 0 Gott, zerreiß den Himmel und komm zu Hilfe deinem Volk!" Dieses Gebet trägt. In diesem Gebet kann sich jeder finden, auch der, der mit eigenen Worten nicht mehr aussprechen kann, wie es ihm geht. Denn die, die einst so gebetet haben, die haben alle Tiefen dieser Erde hinter sich, die sind schon durch alle Höllen dieser Welt gegangen. Die sind dort angekommen, wo sie nur noch das Eine über sich sagen können: Man hat uns so windelweich geschlagen, daß wir nicht einmal mehr wissen, wie wir heißen (Vers 19). Aber in ihrer Mitte haben sie diesen einen Lehrer, den sie jetzt so dringend als ihren Vorbeter nötig haben. Sein Gebet ist der Weg heraus aus der Gottverlassenheit.

Wir heute, wenn wir seine Worte nachlesen, spüren IM das kaum mehr heraus, wie kühn, wie verwegen dieser Eine Gott bei seinem Wort nimmt. Ist je einmal schon adventlicher gebetet worden? Hat einer je inbrünstiger mit seinem Gott gesprochen? "Komm Du, o Gott! Komm zu uns in unser Elend! Komm zu uns in unsere Stadt, zu unserem Tempel, den sie uns zerstört haben. Kehre zurück zu deinen Knechten!"

Urbild und Vorbild für adventliches Beten im Volk Gottes - für alle Zeiten. (Nebenbei gesagt: Was für unerhört großartige Texte sind uns aufgegeben zu predigen! Seit wir in den evangelischen Kirchen wieder damit begonnen haben, auch alttestamentlicheTexte zu predigen, steht Jes. 63 unter den Lesungen der Adventssonntage (übrigens auch in der katholischen Leseordnung). Gewiß, diese oft so steilen Texte machen Mühe, in der Regel mehr als eine neutestamentliche Epistel. Aber das Erklimmen dieser Gipfel-Texte lohnt alle Mühen des Aufstiegs).

Teil II: Jesaja 63 - gelesen im Advent 1944/45

Wie nahe wir am Pulsschlag des Klagepsalms damals 1944145 waren, das hört man sehr schnell heraus:

Vers 10: "Das Haus der Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes, die Kirche, in der dich unsere Väter gelobt haben, ist mit Feuer verbrannt." Alle waren sie mit untergegangen, unsere Kirchen: Von St. Kilian über St. Nikolai bis zur Friedenskirche und der Kirche Martin-Luthers mitsamt den katholischen Kirchen von Peter und Paul und von Augustinus. Ausgeglüht im Feuersturm der 800° Hitze. In meinen ganzen weiteren Jugendjahren hat mich der erschütternde Anblick ihrer Ruinen begleitet.

Vers 10 b: "Alles, was wir Schönes hatten, ist zuschanden gemacht.' Unwiederbringlich dahin, was derzeit die "Heilbronner Stimme" schreibt von dem, was unser altes Heilbronn so schön und liebenswert gemacht hat. Daß die Kilianskirche wieder so großartig erstanden ist; wir hätten es nie zu hoffen gewagt, genauso wenig wie die Dresdener mit ihrer herrlichen Frauenkirche. Und nochmals Jesaja: "Zion ist zur Wüste geworden, Jerusalem liegt zerstört." (64,9). Der Anblick etwa von der Bergstraße aus hin-über zum Wartberg -- unaussprechlich! Und fast niemand ist aus diesem Inferno herausgekommen,

Doch neben dieser Beschreibung der zerstörten Stadt und ihres Heiligtums nun ein ganz anderer Ton: "Du hast dein Angesicht vor uns verborgen" (V. 6 b). Wo warst Du, Gott, am Abend des 4. Dezember? Glaube nur ja nicht jemand von den später Geborenen, es habe damals niemand so gefragt! Herr, wo? Sie war weit weg von uns, die Barmherzigkeit Gottes! "Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich" (V. 15). Das sind Grunderfahrungen des Glaubens, die uns nicht erspart geblieben sind. Auch mir nicht. Lange bevor ich im systematischen Seminar bei Helmut Thielicke etwas davon erfuhr; wie Luther über Gott gelehrt hat. Nämlich doppelt: Gott ist offenbar geworden in seinem Sohn - und hält sich zugleich verborgen! Der deus absconditus, den habe ich schon früh, genau; noch vor meiner Konfirmation gelernt!

Und - lesen wir gerade so weiter Jes. 63: Auch das haben wir gelernt: diese ganz schweren Worte: "Wir sind alle wie die Unreinen; alle unsere Gerechtigkeit ist vor Dir wie ein beflecktes Kleid" (V. 5). Ja, wir sind alle, ob Fromme oder Nichtfromme, mit hinein verstrickt in das Verhängnis des verlorenen Krieges und der Zerschlagung unseres Landes. Denn allesamt sind wir "in die Irre gegangen" (53,6). Wo war sie denn, die "Gottesfurcht" in unserem Lande? Schon mit der Aufklärung haben wir langsam aber sicher mit ihr aufgeräumt. Der eine sagt: "Gott ist mir ein Fremdwort" - der Andere: "Gebet ist eine Selbsttäuschung". Bischof Noack von Magdeburg sagt heute von den Menschen in seiner kursächsischen Landeskirche: "Sie haben bereits vergessen, daß sie Gott vergessen haben." Schon in der dritten Generation laufen sie an ihrem Dekan vorbei ohne ihn zu kennen. So habe ich es einmal in Begleitung meines Kollegen in Delitzsch auf dem Weg durch seine Stadt hautnah erfahren.

0 Gott - "warum?" (V. 17). Jetzt auch noch das "Warum?" Die uralte Hiob-Frage! Die Frage aus den tiefsten Tiefen der Anfechtung. Gott - warum? Warum hast Du uns abirren lassen von deinen Wegen? Warum hast Du diesem Prozeß des schleichenden Gifts der Gottvergessenheit untätig zugeschaut? Warum hast du das Volk der Reformation nicht bewahrt vor seinem Weg in die Irre der Selbstüberhebung und Selbstvergottung? Alle hat es uns mit hinein gerissen in das Ende von 1945!

Teil III: Jesaja 63 - im Advent von 2005 gelesen

Doch wir heute, wir leben 60 Jahre später. In ganz anderen Zeiten. Gott sei Dank sind viele Wunden von einst geheilt! Welch ein Wunder, daß diese Stadt wieder so hingestellt werden konnte! - So ist denn zum Schluß die Frage an uns, wo denn wir uns mit unseren Erfahrungen in dem alten Klagegebet von Jes. 63 wiederfinden? Der Himmel ist nicht mehr verschlossen über uns. Und was den deus absconditus angeht, den verborgenen, können wir singen mit Jochen Klepper: "Gott hält sich nicht verborgen" (EG 452,1). Und wer von uns muß von sich sagen: "Du läßt uns vergehen unter der Gewalt unserer Schuld" (V 6 c)? Wir können uns nicht an der Erkenntnis vorbeistehlen: Der "Anzug" von Jes. 63 paßt nicht zu uns. Wenn wir uns den so einfach mirnichts dirnichts anziehen würden, dann müßten die von damals Einspruch einlegen und sagen: Ihr habt ja keine Ahnung davon, wie wir das durchlitten haben. Was sind dagegen Eure Sorgen? Wie kleinlich hören sich da eure Jammertöne an! War je ein Volk so gegen alles und jedes versichert wie heute? Jeden Tag bietet sich uns irgend jemand an, im Fernsehen, per e-mail, am Telephon, der liebend gerne bereit wäre, uns das Leben noch schöner und die Sorgen noch kleiner zu machen!

Kurz: Es ist nichts damit, wieder einmal von der Kanzel zu beteuern, wie aktuell dieser Text sei. Nichts damit! Anstatt dessen müssen wir den Text spiegelbildlich lesen. Und sagen: Nicht die Firma Gott und der Himmel hat sich über uns verschlossen. Sondern: Wir haben mit Gott und dem Himmel nicht mehr viel vor. Bei uns rufen sie schon lange nicht mehr:

Schau auf uns herab von deiner heiligen Höhe! Komm uns zu Hilfe! -

Nein, wir werden schon selbst fertig mit unseren Problemen. Unsere Zeit-genossen sind es, die es nicht mehr nötig haben, zu Tisch zu beten: Unser täglich Brot gib uns heute! Und ebenso auch nicht nötig, hinterher zu danken. Was wollen wir denn bitten in unserem Advent 2005? Und wenn wir nachher singen mit dem Adventslied, das sich auf diesen Psalm Jesaja 63 bezieht und seine Bilderwelt aufnimmt: "O Heiland, reiß die Himmel auf!" Um was bitten wir dann heute im Jahr des Heils 2005? Es kann doch wohl nichts anderes sein, als daß wir in aller Ehrlichkeit und Nüchternheit bitten: 0 Gott, öffne uns die Augen dafür, daß wir heute genauso arm, innerlich armselig dastehen wie die früher, die Väter, wenn Du nicht mitten drin bist in unserem Leben, in unserer Zeit, in unserem Alltag. Wenn nicht dein Himmel über uns geöffnet ist. Wenn wir dich nicht anrufen dürfen als "Vaterunser im Himmel". "Gottes bedürfen ist des Menschen höchste Vollkommenheit" - auf diesen Nenner hat der dänische Philosoph Sören Kierkegaard unsere Lage gebracht, wie wir heute Jes. 63 lesen und beten könnten. Oder - wem Kierkegaard zu weit zurück liegt, dem sage ich's mit dem Titel eines Interviews, das vor kurzem jemand mit dem Kardinal von Mainz Prof. Karl Lehmann geführt hat: "Es ist Zeit an Gott zu denken". Advent 2005 - am 61. Jahrestag der Katastrophe von Heilbronn mit Jes. 63 gepredigt: "Es ist Zeit an Gott zu denken!" Es ist Zeit, daß wir Christen uns zu Gott bekennen, daß wir den Vater im Himmel anrufen, wenn wir Hilfe brauchen mitten im alltäglichen Einerlei mit des Tages "ewig gleich gestellter Uhr". Es ist Zeit, daß wir (V. 19) Leute sind, die sehr wohl wissen, auf weichen Namen wir getauft und nach welchem Namen wir uns Christen nennen. - Und es ist Zeit, daß wir den Vers 5 gerade auch für unsere Generation lesen, wie er dasteht: "Alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid!" Wenn wir vor uns selbst ehrlich bleiben wollen und auf jede Selbstgerechtigkeit verzichten, dann bleibt uns doch angesichts der Zustände in unserer Gesellschaft, in unseren Familien und Ehen, in unseren Schulen und im Straßenverkehr gar nichts anderes als genauso den Vers 6 zu lesen wie er dasteht: "Niemand ruft deinen Namen an oder macht sich auf, daß er sieh an dich halte". Der Gipfel der Gottlosigkeit: Was Kindern von ihren eigenen Eltern angetan wird. Dabei will ich ein Anderes nicht unterschlagen: Sie haben wieder, fast alle, die alte und doch so wichtige Beteuerung nachgesprochen in aller Öffentlichkeit, die Mit-glieder unserer neuen Regierung: "So wahr mir Gott helfe". Andererseits aber haben es die Politiker der Europäischen Union nicht fertig gebracht, in die Präambel zur Europäischen Verfassung den Gottesbezug aufzunehmen. Dafür gibt's zwar Gründe. Aber es gibt auch verantwortungsbewußte Leute, die sagen: Dies hätte sehr viel für das neue Europa bedeutet. Dann wüßten wir, welche Werte allein die Garanten für unsere Zukunft sind.

Es ist Zeit, an Gott zu denken! Und zu ihm zu rufen, wie es uns der Königsberger Arzt Hans von Lehndorff in seinem Lied (EG 428) vorgebetet hat:

"Komm in unsere stolze Welt ..."
"Komm in unser reiches Land ..."
"Komm in unsere laute Stadt ..."
"Komm in unser festes Haus ..."
"Komm in unser dunkles Herz ..."

Dann wird sich auch die Verheißung erfüllen, mit der Jesaja 63 so überraschend schließt: "Kein Ohr hat je gehört, kein Aug hat je gesehen einen Gott, der so wohl tut denen, die auf ihn harren!" (64,3)

Amen.

Dr. Hartmut Jetter